Vierter Tag. Mittwoch.
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Rapallo – Montallegro – Chiavari. Und Cinque Terre: Riomaggiore.

Die ligurische Küste ist „eine der sanftesten, darum heilsamsten Landschaften der Welt, in der sich stärkende Meerluft mit beglückendem Blütenduft mischen, in der Sonne und Regen fast immer Maß halten und der Mensch so wonnig gewiegt wird, wie er sich’s nur wünschen kann.“
Ekkart Peterich

Wir stehen gemütlich auf – die olivenölgetränkten Pilze vom Vorabend haben uns den Schlaf erschwert… Das Wetter scheint einiges besser geworden zu sein, zwischen den Wolken ist bereits blauer Himmel zu erkennen. Auf dem Weg zum Bahnhof gehen wir durch den Wochenmarkt, der sich in der Via Garibaldi aufgebaut hat. Da wir noch Zeit haben, können wir den Markt bis hinein in die Altstadt abklappern. Neben vielerlei Krimskrams gibt es auch lokale Produkte, eine unglaubliche Vielzahl frischer Früchte, körbeweise frische Waldpilze, lokale Weine aus dem Aveto und einen ganz netten Käsestand, an dem wir ein Stück San Stefano kaufen.

Straßenszene in Camogli

Der Regionalzug bringt uns über Santa Margherita nach Rapallo. Fast hundert Jahre lang war Rapallo ein Nobel-Badeort. Inzwischen ist alles zugebaut, vom Glanz früherer Zeiten merkt man kaum mehr etwas.
Nach wenigen Schritten haben wir die Talstation der Funivia erreicht und ein Ticket für eine Bergfahrt gekauft. Etwa eine Viertelstunde müssen wir noch warten, bevor sich die Seilbahn um 11.30 Uhr in Bewegung setzt. In rascher Fahrt über vier oder fünf Trägermasten rauschen wir zusammen mit etlichen anderen Ausflüglern fast geräuschlos nach oben. Etliche Schweißtropfen bleiben uns damit erspart, kommen wir doch von Meereshöhe bis auf 612 Meter hinauf.
Deutlich frischer ist hier die Luft geworden, die kurzen Hosen sind gerade noch erträglich. Wir steigen hinauf auf einer breiten und schön gepflasterten Allee zur Wallfahrtskirche Madonne di Montallegro, die im 16. Jahrhundert an der Stelle einer Marienerscheinung errichtet wurde.

Wallfahrtskirche Montallegro hoch über Rapallo

  • Der Marienkult von Montallegro begann 1557. Am 2. Juli jenes Jahres erschien einem Bauern von Canevale, Giovanni Chighizalo, die Muttergottes und bat ihn darum, an diesem Orte verehrt zu werden.
    Das Ereignis schlug so hohe Wellen, dass schon einige Monate später eine Kapelle gebaut wurde. 1574 fand die Besatzung eines Schiffes aus Ragusa unter dem Kommando von Nicola De Allegretis Zuflucht im Hafen von Rapallo, nachdem sie wie durch ein Wunder vom Schiffbruch verschont worden waren. Als Dank, der Gefahr entronnen zu sein, begab sich De Allegretis und seine Mannschaft nach Montallegro. Zu ihrer großen Verwunderung entdeckten sie, dass das Bild der Jungfrau Maria, das Objekt der Anbetung, identisch war mit einem Jahre zuvor in Ragusa verschwundenen Gemälde Daraufhin beantragte De Allegretis beim Genueser Senat die Rückgabe des Bildes, was ihm auch gewährt wurde
    Als das Schiff sich schon auf hoher See befindet, „verschwindet“ das Gemälde wieder und kehrt zurück an seinen angestammten Ort, die Kapelle von Montallegro, wo der Marienkult von nun an ununterbrochen andauern wird. Zeugnis davon legen die vielen Votivbilder ab, die vor allem von Seeleuten stammen.
    (Aufschrift einer Informationstafel vor der Wallfahrtskirche)

Die weiße Fassade, die wir sehen, stammt großenteils aus dem 18. bzw. 19. Jahrhundert. In der Kirche hängen Votivtafeln bis hinauf zur Decke an allen freien Flächen, selbst in den Nebenräumen der Seitenkapellen sind die Wände komplett damit bedeckt – Danksagungen von Seefahrern, die aus Lebensgefahr gerettet wurden. Im dunklen Innenraum spielt Orgelmusik.

Aussicht von Montallegro auf Rapallo, S-Margherita und Portofino

Wir genießen die sonnige Aussicht auf den Golfo di Tigullio, sehen hinten Santa Margherita und dahinter den Naturhafen von Portofino, die Funktürme vom Monte di Ruta, wo wir die letzten Tage unterwegs waren. Klar, dass das ein einmaliger Rundumblick ist, bestens geeignet für ein aus vielen Einzelbildern zusammengesetztes Panoramafoto. Durch herrliche Steineichenwälder, grün bemooste uralte Bäume, gelangen wir in wenigen Minuten zum Hotelrestaurant Pellegrino, verkneifen uns eine Einkehr und gehen auf dem komfortablen Waldweg weiter am Bergkamm entlang den zwei roten Quadraten folgend.

Fantastische Wegführung

Der Weg verläuft Richtung Chiavari stets oben oder neben dem Bergkamm, bietet herrliche Aussichten auf den Golfo und auf die andere Seite nach Norden über das Lavagnatal hinweg. Braune und rotschwarze Schmetterlinge, haarige Raupen und Eidechsen, die sich in der Sonne gewärmt haben, begegnen uns. Als der Weg aus dem Wald auf eine besonnte Wiese führt, steigt die Temperatur schlagartig um mehrere Grad. Unten sehen wir in den schmalen Tälern immer wieder die Autobahn auf Brücken führend zwischen dem einen und dem nächsten Tunnel verlaufend. Hoch über dem Ort Zoagli führt der Weg durch aufgelassene Terrassenkulturen, vorbei an Hausruinen, deren Wände völlig ohne Mörtel aufgetürmt wurden. Auf der Anhöhe La Colla neben einem kleinen Marienaltar auf 525 m Höhe machen wir unsere Rast. Der Schwarzriesling findet zusammen mit dem Coppaschinken aus Santa Margherita, dem San Stefano-Käse und dem Quittenmus ein würdiges Ende.

Dann gehen wir auf schmalen Pfaden durch schöne Wälder zum Pass Anchetta. Dort geht es auf der Straße weiter, wir kicken uns die stacheligen Maronenkugeln zu, aus denen braunglänzende Edelkastanien purzeln. Später wird der Weg wieder schmal und führt mal hinunter, mal wieder ein Stück hinauf. Ein Stück Abstieg wird mir zum Verhängnis: die Absätze rutschen auf der feuchten Erde nach vorne und schwupp sitze ich an einer ganz engen Stelle auf dem Hosenboden. Eigentlich ist nichts passiert, doch links und rechts an der Hüfte hat es Schürfungen gegeben. Die Hose ist bald wieder sauber. Herrliche Steinmauern ziehen uns beim Anwesen Case Costa (303 m) in ihren Bann. Über Treppenwege gelangen wir später durch einen ausgedehnten Olivenhain hinunter zur Kirche von Maxena (153 m).

Foto: Helmut Eßlinger

Speicherkarten- und Akkuwechsel sind angesagt. Noch eine lange Treppe und geteerte Straße hinunter, an kläffenden Hunden vorbei. Vor einem Haus steht ein seltsamer Baum mit zitronenartig-schrumpeligen Früchten. Wie die wohl heißen?
Endlich haben wir dann nahe der Autobahn die Kirche von San Pier di Canne erreicht – auf nunmehr 9 Höhenmetern. Wie vom Reiseführer empfohlen besorgen wir uns Fahrkarten in einem Lebensmittelladen und fahren mit dem Linienbus bis hinein nach Chiavari.
Durch die schöne mittelalterliche Altstadt mit ihren kilometerlangen Arkaden kommen wir ins Zentrum und machen Pause in einem Cafe.

Arkaden in Chiavari

In einem Süßwarenladen Leone gibt es Pastillen, Bonbons und Schokoladen. Da kann man nicht einfach vorbeigehen. Später noch ein Baby Gelato-Joghurteis mit einer Fruchtmischung nach Wahl (Heidelbeere!).

Am Bahnhof schnell Fahrkarten und was zum Lesen gekauft, rein in den IC und ab nach Monterosso al Mare, eines der fünf Cinque Terre-Dörfchen. Mit dem Regionalzug weiter bis Riomaggiore. Hier scheint die Sonne auf die erdfarbenen Hausfassaden, unten toben die Wellen und schlagen mit ungeheurer Wucht die Wassermassen gegen den Kai. Herrliche Abendstimmung, Fotografier-Orgie!!

Riomaggiore im Abendlicht

Riomaggiore ist der südöstlichste und größte Ort der Cinque Terre. Es hat kaum Platz, um sich am Fuße einer engen Schlucht gegen das Gebirge zu behaupten. Die hohen Häuser hangeln sich den Felsen hinauf, der Strand ist so winzig, dass die Boote hinter die Hafenmauern gezogen werden müssen. Bei Einbruch der Dunkelheit lassen die Fischer ihre Boote zu Wasser. An Bord werden die Lampen angezündet. Bis zum frühen Morgen bleiben die Fischer draußen. Wenn sie zurückkehren werden die Fänge ausgebreitet, sortiert und gewogen.
Ein Bummel durchs Dörfchen folgt. In der Trattoria La Lanterna ganz unten am kleinen Hafen, reservieren wir ein Tischchen für 19.30 Uhr. Dann haben wir Zeit, die Hauptstraße bis weit hinauf zu gehen, seitlich entlang bis zur Chiesa di San Giovanni Battista und weiter hinauf bis zum alten Castello zu gehen. Hier genießen wir den Blick auf die Abendstimmung am Meereshorizont, auf die Wellen, die Pinien, folgen mit den Augen dem Verlauf der Via Amore.

Im Ristorante La Lanterna ist alles auf Fischgerichte ausgerichtet: Mit einem Antipasto piccolo alla casa beziehungsweise einer Zuppa Cecci et Seppie und einem ausgezeichneten Weißwein alla casa beginnen das Abendessen. Acciughe Vernazzano (Sardellen mit Kartoffeln und Tomaten überbacken) bzw. Pesce Pesto geht es in die Hauptrunde. Ein Tartufo affogato in Cafe (ertränkt in Espresso) und Panna Cotta geht das genüssliche Mahl zu Ende.

Fischgerichte in Riomaggiore

Das Restaurant ist stilvoll mit allerlei Fischmotiven ausgestattet, Bilder erzählen von riesigen Fischen, die die Angler und Fischer des Dorfes an Land gezogen haben. Der Zug um 22.34 bringt uns nach Camogli zurück, wo wir gegen 23.40 Uhr im Hotel eintreffen.

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