Mit Rucksack und Laptop auf dem schottischen West Highland Way.
2. Tag, Montag 18. Juni 2007. Von Milngavie nach Drymen. 19,5 km.

Der Schotte zum Bäcker: „Bitte ein Stück Brot! Und wickeln sie es bitte in die Zeitung von heute ein!“

Auf unserem Heimweg und nachts hat es noch kräftig geregnet. Am Morgen hört das Tropfen-Trommeln aufs Dachfenster dann aber auf. Das Frühstück um 8 Uhr ist ausgezeichnet. Es gibt Tee und erstmal Cereals vom kleinen Buffet. In dem schönen großen Frühstücksraum von West View mit großen Fenstern hängt ein riesiges www.MakePovertyHistory.org-Plakat an der Wand. Danach folgt der angekündigte Teller mit einer großen, frischen Lachsscheibe und einer Portion Rührei – sehr geschmackvoll.

Frühstück in Milngavie. - Foto: Erich Kimmich

Schließlich gibt es Toastbrot-Dreiecke und verschiedene englische Orangenmarmeladen. Später muss der Rucksack gepackt werden, wir bezahlen und verabschieden uns herzlich. Nach einigen Schritten sind wir im Städtchen. Helmut kauft in einer Bakery zwei feine süßliche Brötchen. Im kleinen Laden gegenüber des Pub, The Iron Chef (Cookshop & Hardware) besorgen wir uns einen Adapter für die Ladegeräte und das Laptop. Schon am Vorabend haben wir den 2,5 m hohen Obelisk gesehen, der mitten auf der Douglas Road, der Fußgängerzone in Milngavie aufgestellt, ist und den Beginn des West Highland Ways markiert. Auf ihm ist das schottische Wahrzeichen, die Distel (und auch das Wahrzeichen des Weges), eingraviert. Highlands, wir kommen!
Startfoto vor dem Obelisk in Milngavie. - Foto: Helmut Eßlinger

Etliche Wandergruppen und -grüppchen kommen daher, lassen sich zum obligatorischen Gruppenfoto vor dem Obelisk ablichten, geben ihr Gepäck in einen nahe stehenden Transporter von Travel-Lite und machen sich dann wie wir auch auf in den Mugdock Country Park, der an Milngavie anschließt. So machen wir das dann auch, in dem wir anderen Wanderern kurzerhand die Kamera in die Hand drücken.
Im Mogdock Country Park - Foto: Erich Kimmich

Obwohl ich von der zunächst eher „langweiligen“ Landschaft wenig erwartet habe, ist dieser naturnahe, feuchte Wald eine wahre Freude. Grüntöne in allen Variationen, Farne, die schon gut einen Meter hoch aufgeschossen sind, gelb blühende Ginsterbüsche, Birkengruppen, verbogene Eichenbäume, Sumpfbereiche, ein kleines Flüßchen zur Linken – eine unfassliche Vielfalt von Eindrücken. Und das von einer perfekt ausgebauten Wandertrasse aus, die keine Wünsche mehr offen lässt.

Ein Stück unseres Wanderwegs

Im Anschluss an das Naturschutzgebiet folgt ein Weg zum Craigallian Loch, einem relativ kleinen See.

Ginsterblüte. - Foto: Erich Kimmich

Die Wolken klaren auf, Sonnenstrahlen kommen hervor, gelbe Iris leuchten am Ufer neben meterhoch rosa blühenden Rhododendronbüschen und hohen gelben Ginsterblüten. Beim Carbeth Weiher kommen wir auf eine kleine Straße und überholen die Wandergruppe, die uns vorhin überholt hat. An der Carbeth Farm verlassen wir die Straße wieder, machen eine kurze Rast, essen Äpfel und weiter gehts im Hemd und kurzer Hose über eine hohe Steinmauer mittels Trittsteinen.

Blick von der Carbeth Farm nach Norden. - Foto: Erich Kimmich

Entlang von Steinmauern führt der Weg langsam durch ein herrlich helles offenes Tal hinunter. Wir fotografieren Knabenkraut-Orchideen und Wollgräser, grasende Schafe schauen uns zu, am gegenüberliegenden Hang ziehen die Schatten der Wolken entlang.

Unterwegs in den schottischen Lowlands. - Foto: Erich Kimmich

Unten gelangen wir über eine Brücke über den Fluß Blane Water, drei Mountainbiker überholen uns noch vorher; sie müssen ihre Räder mit beiden Händen über den Zaun hieven, da wieder eine Trittleiter den Zaun begehbar macht. Entlang bzw. auf der ehemaligen Bahntrasse Aberfoyle-Glasgow wird es die nächsten sechs Kilometer gehen. Die Bahnstrecke wurde 1867 in Betrieb genommen und 1959 aufgegeben. Nach etwa einem Kilometer Gradausgehens – wieder haben uns einige Wanderer überholt – sehen wir rechts die typischen schwarz-weißen Gebäude der Glengoyne-Distillery.

Distillerie Glengoyne. - Foto: Erich Kimmich

Hier wird seit 1833 legal Whisky produziert – vorher gab es bis zu 18 Brennereien alleine in diesem Tal. Hier wird ein Single Malt Whisky von einzigartigem Geschmack hergestellt, der aus drei Zutaten besteht: Gerste, Hefe, Wasser. Das Gerstenmalz wird hier ohne Torffeuer getrocknet, so dass der Whisky die weichen und zarten Abstufungen der Gerste nicht verliert. Unsere charmante Führerin zeigt uns die großen Holztanks (Washbacks aus Oregonkiefer), in denen die mit Hefe versetzte Gerstenbrühe Alkohol bildet. Nach 48-56 Stunden ist ein 8-prozentiges Bier entstanden, das nun in den ersten Kupferbrenner gepumpt und dort destilliert wird. Nach diesem ersten Schritt sind es dann schon 25 %, nach einem weiteren Vorgang 72 %.

Destillieranlage in Glengoyne. - Foto: Erich Kimmich

In hunderten Fässern wird das Getränk in dunklen und belüfteten Hallen mindestens drei Jahre gelagert. Hier in Glengoyne sind es zwischen zehn und 30 Jahren. Durch das Lagern in den vormaligen Sherryfässern oxidiert der „Likör“ und nimmt die typische goldgelbe Farbe an – je länger desto dunkler. Am Ende dieser langen Lagerzeit wird der Likör mit Regenwasser von Glengoyne verdünnt und man erhält auf diese Weise den einzigen echten Single Malt Whiskey der Highlands.
Erst kürzlich hat Glengoyne die Auszeichnung „Best of the Best“ der Zeitschrift Whiskey Magazine erhalten. Eine Flasche mit 17-jährigem Whisky wechselt für 39 Pfund den Besitzer.

  • Schottischer Whisky
    Destillate aus Malz, also gemälzter Gerste, sind die Grundlage jedes schottischen Whiskys, wobei das Malz häufig getorft wird, also über einem Torffeuer geräuchert.
    Während die Bezeichnung Single Malt einen Whisky als Malzdestillat einer einzigen Brennerei bezeichnet, handelt es sich bei Pure Malt oft um eine Mischung aus Malzdestillaten verschiedener Brennereien, auch Vatted malt genannt. Also eine Mischung von Whiskys gleicher Produktionsart ohne Zusätze anderer Whiskyarten. Beim Blended Scotch hingegen kommen zu den Malzdestillaten zusätzlich Destillate aus Rohgetreide. Dabei können bis zu 80 Destillate aus verschiedenen Destillierprozessen und Reifearten kombiniert werden.
    Für die Lagerung werden im Gegensatz zu den USA niemals frische Eichenfässer verwendet, sondern Fässer, in denen vorher Bourbon Whiskey oder Sherry gelagert wurde. Gerne werden Limousin-Eichenfässer aus den USA benutzt, in denen zuvor bereits amerikanischer Whiskey drei Jahre gelagert wurde.
    Scotch hat im Handel mindestens 40 % Alkohol. Der Fasswhisky, der meist um die 70 & Alkohol hat, wird dazu mit Wasser verdünnt. Die Bezeichnung Scotch ist, im Gegensatz zur Bezeichnung Single Malt, gesetzlich geschützt. Schottland exportiert jährlich über 700 Millionen Flaschen, hauptsächlich in die USA, nach Frankreich, Spanien und Japan.
    Guter Whisky soll wie guter Cognac wohltemperiert serviert werden, damit sich die Geruchs- und Geschmacksstoffe voll entfalten können.
    Die Meinungen, ob dem Whisky zum Trinken Wasser zugesetzt werden soll oder nicht, gehen auseinander.
    Kim Dunbar von der Edradour-Brennerei in Pitlochry sagt: „Am besten man hat drei Whisky-Sorten im Hause: einen preiswerten Blend für Leute, die man nicht mag, einen guten Vat für die Freunde und einen Single Malt für sich selbst.“
    (Auszüge aus: „Allgemeines zum Thema Whisky“ der Website Schottland4Fans.de)

Das WHW-Zeichen. - Foto: Erich Kimmich Weiter führt uns der Weg entlang der Bahntrasse; es ist inzwischen 14 Uhr geworden. An einer schönen Stelle am Waldrand machen wir Rast, essen Pumpernickel, Bierwurst, Käse und nehmen einen Schluck Glengoyne dazu. Slainte Mhath! [Zum Wohl! gespr. ’slantsche wah‘]
Eine Gruppe von vier flotten älteren Damen zieht fröhlich-zügig an uns vorbei.

Vesperpause mit einem Schluck Nationalgetränk. - Foto: Erich Kimmich

Immer öfter scheint nun die Sonne und wir haben hin und wieder den Eindruck, wir würden im französischen Zentralmassiv wandern. Hinter Gartness führt eine Brücke über den Endrick Water, wo man im Herbst den Lachsen zuschauen kann, wie sie den Fluss hinauf zu ihren Laichplätzen wandern. Vorbei an der Easter Drumquhassle Farm und weiter nach Gateside.

Unterwegs in den schottischen Lowlands. - Foto: Erich Kimmich

Hier treffen wir auf eine der National Cycling Routes, die die britische Organisation Sustrans quer durch ganz Großbritannien geplant und vorbildlich ausgeschildert hat. Mehr als 10.000 Meilen Strecke stehen inzwischen zur Verfügung. 75 % der Briten wohnen maximal 2 Meilen von einer solchen Route entfernt.

Über eine Wiese führt der Weg zur Hauptstraße, auf der wir nach gut enem Kilometer Drymen erreichen, unser heutiges Etappenziel. Im kleinen Bed & Breakfast „Elmbank“ bei Caroline Fraser hat Easyways für uns Quartier gebucht. Das Zimmer liegt etwas abseitig im Keller, ist relativ eng. Bad und WC werden über den Flur gemeinsam mit anderen Wanderern genutzt. Etwa 19 Kilometer liegen nun hinter uns.
Der Wanderführer besagt, dies sei der letzte größere Ort (etwa 800 Einwohner) entlang des Weges bis Kinlochleven in etwa 100 Kilometern.

Im Clannach Inn in Drymen. - Foto: Erich Kimmich

Im Pub „The Clachan Inn“ – Schottlands ältestem Pub – trinken wir dann erstmal ein herbes, helles Tennet-Bier, später dann ein Belhaven Best, etwas dunkler und malziger. Zum Essen bestellt Helmut Haggis mit Haferplätzchen, ich eine Tagessuppe. Danach gibt es einen Beefburger mit Pommes und Salat. Wir sind randvoll und machen noch einen Spaziergang durchs Örtchen. Beim Hotel Buchanan Arms können wir hinauf zu einem schönen Aussichtspunkt gehen und einige Fotos Richtung Loch Lomond zur untergehenden Abendsonne machen.

Abendlicher Ausblick von Drymen. - Foto: Erich Kimmich

Zurück zum Vortag || nach oben || Zum nächsten Tag