Mit Rucksack und Laptop auf dem schottischen West Highland Way.
3. Tag, Dienstag 19. Juni 2007. Von Drymen nach Rowardennan. 21,5 km.

„Stimmung!“ rief der Schotte, und warf ein Konfetti in die Luft!

Es kommt immer anders als man denkt. In unserem Kellerzimmer konnten wir ja nicht merken, wie sich das Wetter entwickelt hat; am Vorabend war ja herrlich die Sonne herausgekommen, die Wolkengebilde am Horizont boten ein herrliches Schauspiel. Doch wie wir in den Frühstücksraum kommen und vorher kurz die Haustür öffnen, klatscht strömender Regen gegen die Hauswand.

Reichhaltiges Frühstück in Drymen. - Foto: Erich Kimmich

Das Frühstück ist hervorragend: alle Knuspertüten von Kelloggs & Co stehen zur Verfügung, frische Joghurts, Käse, Schinken, Wurst und eine riesige Obstplatte. Tees kann man sich nach Belieben aufgießen, ein Toaster wartet auf eine von viererlei Toastbrotsorten. Nebenbei werfen wir immer wieder einen Blick aus dem Fenster. Es ist mausgrau draußen und regnet ohne Unterlass. Das Spritzgeräusch vorbeifahrender Autos macht mich nervös.
Nach 9 Uhr sind wir gut verpackt im weiten K-Way-Regenmantel und ziehen los. Es geht ein Stück der Ortsstraße entlang, die vielköpfige englische Gruppe überholt uns während wir noch Details am Regenmantel optimieren. Nach dem Ortsende von Drymen geht es eine feuchte Wiese hinauf bis zum Waldrand.

Regenwetter. - Foto: Erich Kimmich

Da haben wir die andere Gruppe wieder eingeholt und während die sich noch sortieren, ziehen wir weiter. Der Weg wird wegen Baumfällarbeiten umgeleitet. Die Scottish National Forest haben die Umleitung perfekt ausgeschildert: Riesige schwarze Pfeile auf gelbem Grund weisen unmissverständlich den Umweg, sogar detaillierte Kartenausschnitte sind auf den Umleitungstafeln angebracht. Die
Brillengläser sind voller Tropfen, am Rand des Regenmantels drohen die Tropfen den Rand der kurzen Hose durchzufeuchten. Die mit Biwell eingewachsten Bergstiefel halten jede der unzähligen Matschpassagen bestens aus. Manchmal steht das Wasser in wegbreiten Pfützen, bei denen man nicht weiß wie tief sie ausfallen.
Durch den Garadhban Forest zieht sich der Weg auf gut 160 Höhenmeter hinauf. Das Ganze erinnert stark an einen Regentag am Schliffkopf im Schwarzwald. Vom Forstweg auf die Straße treffend begegnen uns Schilder des nationalen Radnetzes. Fantastisch ausgeführt: auch Radwanderer aus dem Forstweg sollen erkennen, dass hier nun die Route verläuft. Als wir nach etlichen Kilometern im Regen den großflächigen Wald verlassen, hat sich der Regen ein wenig nach oben verzogen, wir können die Regenmäntel ausziehen und den Hitzestau auslüften lassen. Die Familie mit dem größeren Jungen haben wir auch überholt. Nun steigt der Weg durch Heidelandschaft an, führt hinunter in ein Flußtal und macht sich dann an den Anstieg zum Conic Hill (360 m).
Weit vor uns sehen wir einige andere Wandergrüppchen schon weit oben. Nun überholt uns die Familie wieder während wir langsam Schritt für Schritt die teils enorm hohen Stufen erklimmen, zwischen Steinen hindurchjonglieren und zahlreichen Rinnsalen mitten im Weg ausweichen. Den Schafen überall auf den Weiden scheint der Regen nichts auszumachen. Nach der dunkelbraunen Heidekrautzone folgt eine Farnzone, zum Schluss geht es nur noch grasig-matschig weiter. Was sollen wir da oben, wenn die Aussicht doch fast sinnlos ist?

Aussicht vom Sattel des Conic Hill auf den Loch Lomond. - Foto: Erich Kimmich

Es kommt wieder anders als gedacht: Die Regenschleier haben sich etwas gelichtet, reißen auseinander. Von dem Paß unterhalb des Gipfels haben wir einen sagenhaften Blick auf die Zipfel des Loch Lomonds, dem größten Süßwassersee Schottlands mit seinen etwa 38 Inselchen darin. Postkartenreif ist der Blick nicht, weil alles noch grau in grau ist, aber es bietet genügend Eindruck und wir sind schon mal froh, oberhaupt so weit sehen zu können.
Den eigentlichen Gipfel des Conic Hills verkneifen wir uns und machen uns an den Abstieg. Die Familie bietet uns an, ein Foto von uns beiden zu schießen. Prima!

Blick vom Conic Hill auf Loch Lomond.

Der Abstieg ist reichlich steil, teilweise sehr matschig (Konsistenz zwischen Schokopuddig und Mousse au chocolat), die Treppenstufen sind vielfach ausgewaschen und recht hoch. Durch einen eindrucksvollen Eichenwald erreichen wir das Visitor Centre von Balmaha. Hier gibt es Parkplätze und Essplätze, einen Spielplatz und ein Informationszentrum des Loch Lomond Nationalparks. Das Gebiet um Loch Lomond und die östlich liegenden Trossachs ist vor einigen Jahren vom schottischen Parlament zum Nationalpark erklärt worden. Über 200 verschiedene Vogelarten wurden hier gezählt.
Erst mal kräftig was essen: Rucksack-Picknick im Freien, die Sitzbänke sind fast schon trocken, unsere verschwitzten Klamotten lüften wir erst mal aus. Käse, Würstchen, dunkles Brot und einen Schluck Glengoyne Single Malt. Alles wäre prima, wenn diese fiesen kleinen Mücken nicht wären, die hier in ganzen Schwärmen umhersirren. Sie sind grade mal 2 mm groß, man bemerkt sie kaum wenn sie auf der Haut sitzen und dann zwickt und piekt es. Und nicht lange danach bilden sich überall kleine rote Flecken auf der Haut. Wenigstens jucken diese nicht. So kann man mit der Plage einigermaßen leben.

Am Ufer des Loch Lomond. - Foto: Erich Kimmich

Nun sind wir am Ufer des Loch Lomond, der bis zu 192 m tief ist. Auf dem markierten Weg gehen wir weiter, gleich wieder hoch hinauf auf den etwa 80 Meter hohen Aussichtsberg Craigie Fort, der wie eine Halbinsel in den See ragt. Nun haben wir endgültig die Lowlands hinter uns gelassen und wandern dem See entlang nach Norden.

Hochlandrind am Loch Lomond. - Foto: Erich Kimmich

Mal direkt am Uferkies, mal in den angrenzenden Waldstücken bis zur Bucht von Milarrochy. Bei Cashell sind Steinplatten zum Sitzen in eine Mauer eingelassen, die Sonne scheint spürbar kräftig und wir machen eine kleine Rast.

Loch Lomond - Foto: Erich Kimmich

Später führt der Weg im Queen Elizabeth Forest Park durch ein herrliches Moor. Helmut kann mit seiner Olympus SP700 schöne Makroaufnahmen vom dunkelroten Knabenkraut, von blühenden Moosen und Ginster machen.

Blühendes Heidekraut. - Foto: Erich Kimmich

An dem kleinen Haus von Sallochy vorbei führt der Pfad wieder in einen eigenartigen Eichenwald. Die Bäume tragen kaum Blätter, große Felsbrocken liegen verstreut.
Am Loch Lomond. - Foto: Erich Kimmich

Der Weg führt quer über eine Art Halbinsel durch den Ross Wood. Immer wieder sehen wir den See, auf der anderfen Seite verliert sich das Dunkelgrau des Wassers im Hellgrau einer Wolkenfront, während auf unserer Seite die Sonne scheint.

Herrliche Eichenwälder. - Foto: Erich Kimmich

Die letzten Kilometer am Abend... - Foto: Erich Kimmich

Bei der Ross Mill, einem wunderschön hergerichteten Ferienhaus, verlassen wir den Weg Richtung Straße nach Rowardennan und erreichen durch viel Matsch und einem Kilometer Asphalt das Bed & Breakfast von Colliemhor, in dem uns Fiona MacMillan herzlich empfängt („Hi Boys!“). Unser Zimmer ist sehr geräumig, hat ein separates WC mit Dusche.
Wir bereiten gleich mal einen Tee zu und genießen die feinen Shortbreads dazu.

Eine dreiviertel Stunde haben wir Zeit bevor uns der Kleinbus des Rowardennan Hotels dorthin bringt. Im Bus sitzt die Wandergruppe, mit der wir heute gefrühstückt haben. So treffen wir auch die beiden deutschen Wanderer im Hotel, das recht gemütlich eingerichtet ist und eine schöne Bar hat. Ein dunkles McEwan-Bier, Garlic Mushrooms und dann eine dicke Portion Haggis mit Kartoffelbrei und Kürbisgemüse und wir sind randvoll glücklich.

Im Rowardennan-Hotel. - Foto: Erich Kimmich

Nebenbei läuft der Fernseher mit dem Wetter von morgen (wird wie heute). Um 21 Uhr bringt uns der Kleinbus wieder direkt vors Haus. Ab ins Bett. Reisetagebuch gibts heute keines im Internet. Nicht weil ich vor lauter Whisky nicht mehr schreiben kann, sondern weil hier keiner der zahlreichen Handysender zu empfangen ist.

Loch Lomond - Foto: Erich Kimmich

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