Mit Rucksack und Laptop auf dem schottischen West Highland Way.
4. Tag, Mittwoch 20. Juni 2007. Von Rowardennan nach Inverarnan. 21,5 km.

Was macht ein Schotte mit einer Adventskerze vor dem Spiegel?
Er feiert den 2. Advent!

Verfolgt uns das Pech oder ist hier einfach dauernd Regenwetter? Beim Blick aus dem Zimmerfenster von Colliemhor Cottage sehen wir Bindfadenregen in voller Breite. Das Frühstück bei Fiona MacMillan und ihrem Mann in der Essküche verspricht dagegen einen herrlichen Tag: Es gibt große flache Teller, darauf hat der Hausherr gebratenen Schinken, heiße Tomaten, gebackene Bohnen, einen kleinen Pfannkuchen und ein Spiegelei platziert. Das Ganze nach den Cerealien und vor dem Toastbrot mit Orangenmarmelade. Schließlich sind wir pappsatt. An unserem Tisch sitzt ein nettes Ehepaar aus Bristol. Später kommt die Familie aus den USA noch dazu. An der Wand in einem Regal stehen die seltsamsten Teekannen, die man sich denken kann. Ausgefallene Sammelstücke allemal.

Teekannen, wie man sie noch nie gesehen hat. - Foto: Erich Kimmich

Fiona hat ein Lunchpaket für uns vorbereitet, das wir auch noch in den Rucksack stopfen. Schon haben wir gepackt und schlupfen in die kalten Wanderschuhe, die wir an der Haustüre abgestellt haben, ziehen die Regenmäntel über und machen uns auf den Weg in den Regen. Erstmal geht es auf dem kleinen Sträßchen zum Rowardennan-Hotel, wo wir am Vortag zum Abendessen schon waren. Eine breite Straße führt dort weiter nach Norden, immer am Ufer des Loch Lomond entlang, der sich gut 35 km lang von Süd nach Nord erstreckt. Wir kommen an der Jugendherberge vorbei, vor der ein riesiger Bach laut tosend Richtung See fließt.

Zelten im Regen. Loch Lomond. - Foto: Erich Kimmich

Es gibt Leute, die selbst bei diesem Wetter gerne zelten. Die haben bestimmt schon Schwimmhäute zwischen den Zehen! Unser Weg – immer noch breit wie ein Waldweg – zieht sich parallel zum See den Berg hoch. Der Regen lässt nicht nach, aber der Regenmantel erfüllt seinen Zweck. Beim Umpacken nehme ich – mehr zum Spaß – auch noch meinen Miniknirps zur Hand, denn beim Hochhalten geht auch der Regenponcho nach oben und lässt frische Luft an die verschwitzte „Vorderfront“.

Fotografieren in der Regenpause. - Foto: Helmut Eßlinger

Eindrucksvoller, feuchter Laubwald. - Foto: Erich Kimmich

Dann sind wir in der Nähe von „Rob Roys Prison“ und der West Highland Way wird zu einem schmalen Pfad, der sich – auf und absteigend – durch unendliche Wälder zieht.

Regenschleier am Loch Lomond. - Foto: Erich Kimmich

Auf dem Loch Lomond ziehen Regenschleier, steigen Dampfschwaden empor.

Dampfschwaden über Loch Lomond, der Regen hat nachgelassen

Hier ein Panoramablick auf Loch Lomond (4,5 MB)

Etwa alle zehn Minuten überqueren wir ein mehr oder weniger breites Rinnsal. Durch die Niederschläge sind manchmal die Gräben nicht breit genug, um der anschwellenden Wassermassen Herr zu werden, das Wasser nimmt den Weg als natürliche Rinne. Manche Rinnsale sind dicke Bäche, durch die man sich von Stein zu Stein hüpfend einen Weg finden muss. Lautstark tosen dichte Wasserfälle die Felswände herunter, queren den Wanderweg und verschwinden Richtung See. Wir sind froh, dass das Gestein sehr rutschfest ist, sodass man auch sicher durchs fließende Wasser stapfen kann. Die Wanderstiefel machen die Prozedur gut mit, das Wander geht heute beachtlich gut.

Mit mehrfacher Hilfe gehts dann schon rüber...

Nicht alle Wanderer hüpfen da so spielerisch hinüber wie wir. Vor allem wenn man noch zusätzlich mit zwei Wanderstöcken agieren muss… Als dann der Regen gegen 11 Uhr nachlässt, gehts ohne feuchtgeschwitzten Regenponcho und Regenhose noch besser. Die zwei aus Bristol ziehen beim Umpacken an uns vorbei („you’re optmistic!“).
Halbzeit dann im Inversnaid Hotel. Eben noch haben wir zwei gewaltige Wasserfälle über eine der dicken Holzbrücken passiert, schon stehen wir am Schiffsanleger, neben uns das Inversnaid Hotel. In einer ehemaligen Kirche muss es hier auch noch ein Bunkhouse geben. Vor dem Hotel sind Tischgarnituren und wir machen uns daran, die Bestandteile unseres Lunchpaketes zu vertilgen. Die nassen Klamotten haben wir ausgezogen und lassen sie an der Tischkante trocknen.

Rast vor dem Inversnaid-Hotel. - Foto: Erich Kimmich

Die kleinen Mücken (es sind Schotten, die ihre ganze Verwandschaft mitgebracht haben) sind sofort zur Stelle und piesacken uns in unerträglicher Weise. An den Unterschenkel sehen wir bald aus als hätten wir Masern und Blattern in einem. Gottseidank jucken die kirschkerngroßen roten Flecken nicht. Neben uns am Tisch haben welche ihren kleinen Gaskocher ausgepackt, Wasser erwärmt, das sie dann in aufgeschlitzte Instant-essen-Tüten geben und die Pampe auslöffeln. Wir gehen in das schöne Hotel hinein (Hintereingang für Wanderer: Schuhe und Rucksäcke ausziehen und stehen lassen).

Inversnaid-Hotellounge: Tea for two. - Foto: Erich Kimmich

Barfuß finden wir in der Lounge einen aussichtsreichen Platz in den Polstersesseln und bestellen einen Tea for two.
Etwa zwanzig nach zwei verlassen wir die Polstergarnitur, fotografieren ein Rundum-Panorama und ziehen weiter unseres Weges.

Zoombares 360-Grad-Rundum-Panorama (Quicktime, 9,2 MB)

Die Sonne scheint, der Himmel ist von wenigen blauen Stellen durchsetzt. Nun kommen wir in ein Waldschutzgebiet, das von der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) gepflegt wird. Viele Eichen, aber auch unzählige andere Baumarten sind hier beisammen, die Blicke durchs grün bemooste Geäst auf den schimmernden Loch Lomond sind herrlich. Bild für Bild klickt die Kamera.

Loch Lomond - das Wetter bessert sich. - Foto: Erich Kimmich

Der schmale Weg ist ein echtes Naturerlebnis! Immer wieder begegnen uns die roten Fingerhüte, moosige moorige Stellen, in manchen Bereichen riechen wir den kürzlich verblühten Bärlauch, Ginsterblüten und ganze Farnwiesen wechseln sich ab.

Farn begleitet uns auf dem gesamten Weg. - Foto: Helmut Eßlinger

Nun ist der Weg nur noch ein schmaler Pfad – die Trimm-dich-Übung geht intensiv weiter. Auf der anderen Seite dieses langegestreckten Sees hören wir hin und wieder ein Auto fahren, später auch einen Zug.

Rob Roys Versteck. - Foto: Erich Kimmich

Ein kleiner Wegweiser zu „Rob Roys Cave“ verweist auf eine Höhle, in der der legendäre Rob Roy gehaust oder sich versteckt haben soll. Der Weg dorthin wird recht schnell zu einer feuchten Kletterpartie; wir lassen die Rucksäcke stehen, klettern in den Felsen oberhalb des Sees umher und bekommen einen Eindruck, wie sich der Geflüchtete Rob gefühlt haben muss als er dieses Versteck fand.

Blick zum nördlichen See-Ende. - Foto: Erich Kimmich

Später am Ufer des Loch Lomond möchte ich darin baden, bevor uns der Weg davon weg führt. Im Nu sind wieder die fiesen Midges da und piesacken uns. Das ist für mich im Wasser dann wenigstens eine Weile kein Problem mehr. Es ist recht kalt, so dass ich nach ein paar kleineren Runden rasch wieder ans Ufer komme.

Das Beweisfoto: Kühles Bad im Loch Lomond. - Foto: Helmut Eßlinger

Bis ich mich abgetrocknet und umgezogen habe, sind wir wieder an Armen und Beinen mit roten Punkten perforiert.
Eine Zeit lang verlässt der Weg das Seeufer und führt ansteigend über einen Landrücken, Schafe weiden, gelbe Schwertlilien blühen am Bachufer. Schon geht es wieder hinunter zum See. Aus südlicher Richtung ziehen schwarz-violette Regenwolken heran.

Der Five-o-Clock-Regen naht. - Foto: Erich Kimmich

Eine Holzbrücke überquert einen reißenden Bach, dessen Wasser wie ein Boot in den See fließt. Wir haben aufgehört zu zählen, wie viele Bäche und Rinnsale wir inzwischen überquert haben. Mindestens 50 sind es bestimmt gewesen.
Beim Loch Lomond. - Foto: Erich Kimmich

Wir haben gerade ein jüngeres Pärchen überholt als ein kräftiger Regenschauer einsetzt. In einer dunklen Schutzhütte finden wir Unterschlupf. Zwei Deutsche mit riesigen Rucksäcken kommen herein. Sie stammen aus den neuen Bundesländern und haben ihr Zelt im Gepäck. Sie erzählen, wie frustrierend es ist, das regennasse Zelt morgens abzubauen und als schweren Klumpen durch die Gegend zu tragen.
Die Packung Gummibären ist nun leer geworden – und der Regen hat aufgehört.

Herrlich!! - Foto: Erich Kimmich

Gegenüber des kleinen Weilers Ardlui verlässt der Weg den Loch Lomond, zieht sich hoch zu einem kleinen Sattel. Helmut wundert sich, weshalb die Schwalben so niedrig über unsere Köpfe hinweg fliegen. Ich antworte, dass das nur vor einem Regenwetter passiert und schon sehen wir von Süden her die violett-schwarzen Wolken mit riesigen Regenvorhängen auf uns zu kommen. Also wieder die Ponchos an. Und schon beginnt ein gewaltiger Schauer mit massig heftigen dicken Tropfen, der den schmalen Wiesenweg in Minuten in einen kleinen Sturzbach verwandelt.

Der Five-o-clock-Regenschauer. - Foto: Erich Kimmich

Ein wirklich unangenehmer Abschnitt inmitten der schönsten Natur beginnt. Noch gut zwei Kilometer sind es zur Beinglass-Farm. Bevor wir dort ankommen, hat der Regen bereits wieder der Sonne Platz gemacht, die Tropfen glitzern in den Zweigen der Bäume, die hohen Berge im Hintergrund wechseln wie Chamäleons die Farben von Grau nach Violett nach Dunkelgrün. Eine faszinierende Landschaft, die schon wieder zum Fotografieren einlädt. Dennoch kommt einem nach dem langen Wandertag jeder Kilometer wie zwei vor…
In der Beinglass Farm kann man sich in hölzerne Wigwams einmieten, eine nette Bar bietet Speisen und Getränke. Die Ostdeutschen winken fröhlich aus einem solchen Wigwam. Sie freuen sich über eine trockene Nacht. Nach einem erfrischenden Getränk in der Bar haben wir noch gut einen Kilometer vor uns bis in den kleinen Weiler Inverarnan, wo easyways bei Gwen und Iain Hunter in Clishham Cottage für uns Quartier gebucht hat. In dem alten Haus haben vor kurzem noch die Jagdaufseher ihre Dienststelle gehabt. Wir bekommen ein warmes Zimmer, können duschen, haben einen kleinen elektrischen Heizkörper im Zimmer. Gwen bringt uns gleich einen Tee und bietet später sogar an, unsere feuchten Wanderschuhe mit Zeitungspapier auszustopfen.

Scottish Pub of the Year... 1705. - Foto: Erich Kimmich

Gegen 20.30 Uhr sind wir umgezogen und gehen die paar Schritte hinunter zur Durchgangsstraße in die historische Kneipe „The Drovers Inn“ (Werbespruch: „Scotlands Pub of the Year… 1705“).
Hier stehen in einem ersichtlich uralten Gemäuer ausgestopfte Bären, Haifische, Vögel und vieles mehr. Selbst eine Ritterrüstung fehlt nicht, Schwerter hängen an der Wand und uralte zerfledderte Bücher hängen schräg in einem Regal.
Wir tauschen unsere Erlebnisse mit zwei anderen Deutschen aus, die von ihren Wanderungen in Indonesien und im Himalaya erzählen.
An der Bar steht auf einer Tafel geschrieben: „No blood swears“.
Whiskyflaschen reihen sich meterlang auf. Daneben das Schild „When I die, bury me under the Pub. Then my husband will visit me seven times a week“.

Drovers Inn: Pub of The Year .. 1705 - Foto: Erich Kimmich

Erst gegen elf sind wir im Quartier zurück.

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