Mit Rucksack und Laptop auf dem schottischen West Highland Way.
5. Tag, Donnerstag 21. Juni 2007. Von Inverarnan nach Tyndrum. 21,7 km.

Sagt ein Schotte zum anderen: „Ich habe mir zwei Lose gekauft!“ Darauf der andere: „Was für eine Dummheit! Es gibt doch nur einen Hauptgewinn!“

Gwen hat uns ein prima Frühstück bereitgestellt. Einzig die sogenannten Würstchen sind eigentlich ungenießbar, sind innen voll schmieriger Paste, die alles andere als nach Wurst schmeckt. Ihre kleine Tochter kommt noch aus einem der anderen Zimmer, die Mutter und ein Vater, der uns in der Manier eines Oberst mitteilt, dass heute „a pleasant day“ werden wird und wie wir zur Beinglas-Farm hinkommen. Er macht sogar ein Foto von uns beiden vor dem Haus:

Abmarsch in Clisham Cottage, Inverarnan. - Foto: Erich Kimmich

Wie an den Vortagen sind wir gegen 9.20 Uhr fertig und wandern in Inverarnan los, an Drovers Arms vorbei, über die Falloch-Brücke, begleitet von zahlreichen schwarzköpfigen Schafen zur Beinglass-Farm.

Schafe vor der Bein Glass-Farm. - Foto: Erich Kimmich

Dort gibt es diverse Artikel für den Wanderer: Wir erwerben einen Mückenabwehrspray aus heimischen Kräutern und sprühen uns die Waden und Arme damit voll. Das duftet großartig – aber nur anfangs.

Blick in die Highlands. - Foto: Erich Kimmich

Sonnenstrahlen am West Highland Way. - Foto: Helmut Eßlinger

Kann einem das Glück hold sein? Heute ist es das, denn es ist nur schön. Schön ist, wenn es nicht regnet, denn Wolken gibt es hier wohl fast immer. Der West Highland Way führt zunächst meist am Fluss entlang, gegenüber an der Talwand sehen wir die Trasse der Eisenbahn, einige alte Brückenbauwerke und dort tatsächlich auch einige Züge von Scot Rail fahren.

Weg und Fluss drehen sich Richtung Nordosten. Immer wieder überqueren wir kleine Zuflüsse, meist über Holzbrücken oder steinehüpfend halb durchs Wasser watend. Die Wälder rund um die Beinglass-Farm sind Überbleibsel des größten und weitgehend naturbelassenen Waldes nördlich des Loch Lomond. Sie werden nun im Rahmen eines Natura2000-Projekts aktiv gepflegt.

Sabine und Jürgen sind vor uns... - Foto: Erich Kimmich

Plötzlich gibts einen Fotostopp: Helmut hat bemerkt, dass hier die winzigen fleischfressenden Sonnentaupflanzen wachsen, direkt am Wegesrand. Wie rote Sternchen kann man sie mitten im Moos wachsen sehen. Mit seiner Makro-Kamera können wir einige wirklich schöne Motive in der Sonne einfangen. Außerdem gibt es hier Wollgras und diverse Disteln.

Orchideen-Wunder im Moor. - Foto: Helmut Eßlinger
Knabenkraut-Orchidee

Fleischfressende Pflanze: der Sonnentau. - Foto: Helmut Eßlinger
Sonnentau – fleischfressende Pflanze

Derrydorach Cottage - Foto: Erich Kimmich

Beim Derrydorach Cottage haben wir das deutsche Paar eingeholt, das im Rose Cottage übernachtet hat. Der Weg verläuft nun nahe der belebten Autostraße und wir unterqueren – fast kriechend mit dem schweren Rucksack – durch eine ganz niedrige Unterführung, die eigentlich fürs Vieh gedacht war, die Bahntrasse. Fast muss ich auf allen vieren krabbeln – mit dem dicken Rucksack auf dem Rücken!

Unterquerung der Bahntrasse - nur was für Liliputaner. - Foto: Helmut Eßlinger

Kurz darauf geht es auch unter der Autostraße durch, diesmal erhobenen Hauptes. Der Weg steigt nun an, Straße und Bahn immer tiefer unter sich lassend.

Auf der steinigen, alten Militärstraße. - Foto: Erich Kimmich

Wir kommen uns vor wie bei einer Alpenwanderung. Nun verläuft er auf einer alten Militärstraße, ist aber in sehr schlechtem Zustand. An der Keilator Farm steht ein Bauer auf dem Wellplattendach der Farm und reinigt dieses mit einem Hochdruckreiniger. Schon fallen die ersten Tropfen.
Der steinige Untergrund wechselt plötzlich von Graubraun in Hellgrau; wir lesen auf einem Schild von einer Rallye, die sich Calendonian Challenge nennt. Sie führt 54 Meilen weit und nonstop in 24 Stunden von Fort William nach Ardlui. Die Erlöse aus dieser Rallye kommen schottischen Gemeinden – zum Beispiel für den Unterhalt von Wegen – zugute.

Die Distel, das schottische Wahrzeichen. - Foto: Helmut Eßlinger

Gegenüber an der Bergflanke stehen einzelne schirmartige, alte Kiefern, die im Rahmen eines Natura-2000-Schutzprogramms gepflegt werden. Hinter uns brauen sich einige Wolken dunkel zusammen und am Wegabzweig nach Crianlarich entschließen wir uns doch zu dem etwa 1-2 km langen Abstecher. Es geht bergab, zu steil für meine Beine. Ein ungeschickter Tritt und ich hab mir das rechte Bein „übertreten“. Der Vorfall hat sich rasch erledigt, es bleibt aber ein übler Schmerz entlang des gesamten Unterschenkels, der sich anfühlt wie die Folge einer krampfartigen Verspannung. Der Abstieg wird zur Tortur.

Crianlarich ist zentrale Bahnstation zweier Linien, die sich hier treffen.

Tea-Room im Bahnhof von Crianlarich. - Foto: Helmut Eßlinger

Der 300-Einwohner-Ort zeigt uns erstmal seine Bahnstation, wo es zwischen den Gleisen nicht nur das Bahnhofsgebäude, sondern auch einen Tea-Room gibt. Hier trinken und essen wir eine Kleinigkeit, können die Züge ein- und ausfahren sehen. Zwei radfahrende Frauen kommen herein; sie fahren täglich 80 Meilen mit dem Rad und klagen ein wenig über den heftigen Verkehr. Wir schreiben einige Postkarten und gehen dann noch weiter ins Dörfchen hinein, wo es einen Briefkasten und einen kleinen Lebensmittelladen gibt.

Gegen 14.20 Uhr beginnt wieder der Aufstieg zurück zum West Highland Way, den wir ja kurz verlassen haben. Das Wetter hat sich gebessert; die Sonne kommt verstärkt zum Einsatz, beleuchtet – Spot on! – farnbegrünte Hänge und Berge, die gut und gern über 1000 Meter hoch sind. Nicht ohne Grund zieht sich der Weg bis hinauf an die 280-m-Grenze: der Ausblick auf die umliegenden Gipfel und Wolkenformationen und hinunter ins Tal des Fillan River ist phantastisch.

Ich fotografiere eine erste Reihe von acht Hochformat-Fotos, die später zu einem Panoramabild verschmolzen werden sollen.

Verkleinertes Panorama-Bild

Erstes Quicktime-Panorama (9 MB)

Herrliche Panoramaaussicht. - Foto: Erich Kimmich

220-Grad-Panorama auf die Strathfillan-Mountains (10 MB).
Immer wieder geht es auf und ab, teilweise in unglaublich steil verlaufenden (kurzen) Passagen. Letztlich geht es endgültig bergab. Bäche stürzen zu Tal, lebendiges Wasser allerorten.

Gluckernder Bachlauf. - Foto: Erich Kimmich

Auf Disteln sitzen Schmetterlinge und Käfer, die Sonne scheint.

Distel mit Schmetterlingen. Foto: Helmut Eßlinger

Wir unterqueren die Bahnlinie und beschließen, auf der sonnenbeschienenen Mauer des Viadukts eine Vesperpause zu machen. Auf der gegenüberliegenden Mauer trocknen unsere Klamotten. Yoghurt, süße Riegel, eine Mandarine, aromatisierte Chips (Lamb & Mint) aus dem Lunchpaket von Gwen finden ihren Weg in hungrige Mägen. Ein Schlückchen Whiskey rundet das Mahl ab.

Vesperpause am Bahnviadukt. - Foto: Erich Kimmich

Dann gehts über die Straße und auf einer Holzbrücke über den Fillan River. Eine vielköpfige Schafherde lagert in den Wiesen vor der Kirkton Farm.

Brücke über den Fillan-River. - Foto: Erich Kimmich

Panoramablick auf die Crianlarich Hills. - Foto: Erich Kimmich
Blick auf die Crianlarich Hills: von links Ben More (1174 m), Stob Binnein (1165 m) und rechts Cruach Ardrain (1046 m).

Dicht neben der Farm ist die Vergangenheit gegenwärtig: wir bestaunen wir die bemoosten Mauerreste der Kapelle des Heiligen Fillan, der hier im achten Jahrhundert gewirkt hat. Er war zu Fuß zwischen Tyndrum und Killin unterwegs und siedelte in dieser Gegend.

Grabmale bei der Fillan-Abtei. - Foto: Erich Kimmich

Die Ruine vor uns ist Rest einer kleinen Abtei, die zu seinem Gedenken errichtet wurde. Daneben ist ein Friedhof auf einem kleinen Hügel. Uralte Grabsteine, deren Gravuren kaum mehr zu entziffern sind, drängen sich dicht an dicht auf diesem Gottesacker. Einer lautet auf „Capt. Gregor MacGregor“, die meisten stammen aus dem 18. Jahrhundert.

Blick auf die Tyndrum Hills. - Foto: Erich Kimmich

Eine ausladende Weide auf der hunderte Schafen grasen führt uns zur Auchtertyre-Farm, einer landwirtschaftlichen Versuchsanstalt. Die gesamte Umgebung ist umkränzt von den spitz aufragenden Tausendern, in denen sich Wolken verfangen und an deren Hängen die Sonne scheint. Der Ben Lui zum Beispiel zieht sich bis auf 1127 Meter empor.

Beim Dail Righ (Königsfeld) - Foto: Erich Kimmich

Wir lästern über den Five-o-Clock-Shower. Denn wie am Tag zuvor nähern sich rasch tiefdunkle Wolkengeschwader. Auf einer Brücke überqueren wir den Fillan River und kommen in ein Gelände, das sich Dail Righ (Königsfeld) nennt. Ein denkwürdiger Ort, wie der Wanderführer schreibt: „Hier hat der berühmte schottische König Robert the Bruce, eifrigen Kinogängern inzwischen aus dem erfolgreichen Film ‚Braveheart‘ bekannt, in einer Schlacht gegen die MacDougalls of Lorne 1306 eine bittere Niederlage einstecken müssen.“
Beim einsetzenden Regen überholt uns eine Gruppe Mountainbiker – mit Schlamm bedeckt und schon reichlich abgekämpft.

Mountainbiken in den Highlands - Foto: erich Kimmich

Entlang des Nebenflüsschens Crom Allt führt uns das letzte Wegstück Richtung Tyndrum, vorbei an den Verarbeitungsstätten der ehemaligen Bleigewinnung. Hier wächst auf einer ganzen Fläche rein gar nichts mehr. Die giftige Wirkung des Blei in der Erde lässt nur den robustesten Pflanzen eine Chance.
Tyndrum
hat gleich zwei Bahnhöfe. Einen rechts und einen links des Tales (Lower und Upper Station), denn hier kommen zwei Zugstrecken einander näher, die sich in Crianlarich treffen. Gleich nach der Brücke finden wir das Schild zum B&B „Tigh Na Fraoch“ von Heather Clement, wo wir herzlich empfangen werden. Jetzt können wir unsere Regenmäntel und Schuhe ausziehen. Eine warme Dusche und ein Schlückchen Glengoyne bringen unsere Lebensgeister zurück.

Paddys Bar in Tyndrum. - Foto: Erich Kimmich

Ein abendlicher Ausgang führt uns ins Tyndrum Lodge Hotel (Essen vom Buffet) und in die benachbarte Paddys Bar, wo noch ordentlich Betrieb herrscht, wo eine elektronische Jukebox Musikfilme auf den Bildschirm zaubert und wo diverse Typen, die hier Rast machen, sich noch ein Schlückchen hinter die Binde kippen.

Paddys Bar in Tyndrum. - Foto: Erich Kimmich

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