Mit Rucksack und Laptop auf dem schottischen West Highland Way.
6. Tag, Freitag 22. Juni 2007. Von Tyndrum nach Inveroran. 14,5 km.

Ein Arzt sagt zu einem Schotten: „Ihre Gattin braucht dringend Seeluft!“ Daraufhin nahm der Schotte seine Frau und ging mit ihr in ein Fischgeschäft.

Eine ganze Forelle zum Frühstück!! - Foto: Helmut Eßlinger

Das war heute ein Frühstück in Tigh Na Fraoch-Cottage! Erst gabs eine Schüssel Müsli mit Milch, dann bekam jeder von uns eine gekochte Forelle. Ausgezeichnet im Geschmack, lachsfarben – und reichlich groß. Und zu guter Letzt noch ein Toast mit guter englischer Orangenmarmelade… Wenn das keine gute Grundlage war!

Tyndrum liegt an der Kreuzung zweier wichtiger Routen: von Glasgow nach Fort William und von Argyll nach Pertshire. Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwei Bahnlinien hier durchgezogen, jede mit ihrem eigenen Bahnhof. Heute ist Tyndrum Haltpunkt für die vielen Wanderer auf dem West Highland Way – von Schottlands größter Stand zum höchsten Berg des Landes.

Tigh Na Fraoch-Cottage in Tyndrum. - © Foto: Erich Kimmich

Der Mann von Heather Clement war mit dem Einpacken seiner Angelausrüstung beschäftigt als wir wieder um 9.20 Uhr wie an den Vortagen losmarschierten. Das Wetter sah passabel aus. Blühende Vielfalt überall in den Vorgärten. Im Ortszentrum von Tyndrum (200 Einwohner) konnten wir uns bei einer Cash Machine mit flüssigen Barmitteln eindecken. In einem Outdoorgeschäft haben wir dann noch für meine gürtellose Wanderhose einen Rucksackriemen als Gürtel gekauft.
Dann endlich gings wirklich los. Schon 10.20 Uhr. Am neu angelegten Friedhof von Tyndrum vorbei (ein Grab) führt der Weg auf einer ehemaligen Militärstraße aus dem 18. Jahrhundert, parallel zur Bahn und zur stark befahrenen Autostraße A82.

Tyndrum liegt hinter uns, der Ben Odhar stets rechts. - © Foto: Erich Kimmich

Rechter Hand thront wie ein riesengroßer gleichmäßig geformter Sandhaufen der Beinn Odhar mit 901 Metern Höhe, während unser Weg wie Zug und Straße an der Paßhöhe nicht mal die 375-Meter-Marke erreichen. Gut, dass den WHW niemand über die Bergspitzen geplant hat. Es geht einigermaßen zügig voran, obwohl mein linker Fuß schmerzt.

Blick Richtung Tyndrum, rechts die Bahnlinie. - Foto: Helmut Eßlinger

Vom Pass aus haben wir eine ganz gute Aussicht, sehen vorne den nächsten Berg, den 1074 m hohen Beinn Dorain.

Blick Richtung Bridge of Orchy und Ben Dorain. - © Foto: Erich Kimmich

Einige Wasserfälle und Bäche queren den steinigen Weg. Die Bahnlinie unterqueren wir nach etwa zwei Kilometern. Während sich die Bahnstrecke nur langsam absenkt und dabei einen hufeisenförmigen, langen Bogen durch zwei Seitentäler beschreibt, führt der West Highland Way zügig nach unten und ist rasch auf 225 Metern angekommen.

Blick ins Tal des Allt Kinglass. - © Foto: Erich Kimmich

Eine schöne alte Bogenbrücke führt über den Fluß Auch Gleann. Wir können kilometerweit voraus den Wegverlauf sehen. Die Sonne zieht entlang der langen Bergflanke des Beinn Dorain seit einer halben Stunde, der Schatten beginnt genau im Bereich der Bahnlinie. Hinter uns ziehen einige dicke Wolken von Tyndrum heran. Ein Güterzug naht vom Pass herab und liefert und Gelegenheit für einige Fotos.

Ein Güterzug ist Richtung Norden unterwegs. - Foto: Helmut Eßlinger

Bis der Zug den langen Bogen durchfahren hat, müssen wir einige Minuten warten und können ihn dann auf der Brücke fotografieren. Später überquert der Wanderweg die Zugstrecke.

Rechts noch sonnig, links schattig-wolkig. - © Foto: Erich Kimmich

Das Gras entlang der alten Brücke ist von den Schafen sauber kurzgefressen und lädt uns zu einer Rast ein. Kaum haben wir die Last der Rucksäcke abgeworfen, fallen die ersten dicken Tropfen. Okay, packen wir eben wieder zusammen, hängen Anorak und Regenmantel um und gehen weiter. Und nun beginnt ohne Vorwarnung ein heftiger Regenguss. Der Himmel hat alle Schleusen geöffnet. Es sind ziemlich genau zweieinhalb Kilometer, die wir im dicken Regen gehen.

Regenwetter, premium. - © Foto: Erich Kimmich

Der Regen kommt von der Seite und trommelt gnadenlos auf die Kapuze. Helmut hat sich für Anorak statt Regenmantel entschieden. In Sekunden steht der gesamte Weg unter Wasser, Bächlein bilden sich, strömen zusammen. Stellenweise ist der Weg auf der ganzen Breite eine einzige Pfütze, oft so tief, dass wir sie sicherheitshalber umrunden anstatt hindurch zu gehen.

Kurz vor dem Regen fotografiert. - Foto: Helmut EßlingerTrotz des langen Regenmantels ist die kurze Hose auf der linken Wetterseite durchnässt. Dank der Gamaschen halten die Schuhe erstmal noch durch. Das Gehen wird zur Mühsal und zum Kampf mit den Wassermassen. Endlich kommen wir beim Bahnhof Bridge of Orchy an und besprechen wie wir weiter vorgehen wollen. Schnell ist klar: wir gehen ins Hotel des kleinen 50-Einwohner-Örtchens, um uns abzutrocknen und zu stärken. Helmut hat bei der Regenflut nasse Füsse und nasse Klamotten bekommen.

Im Hotel Bridge of Orchy können wir die Rucksäcke in einen eigenen Raum wegstellen, ziehen dort auch die Bergstiefel aus und bestellen Tagessuppe (aus roten Linsen) und Getränke. Später gibt noch warme Scones mit süßer Sahne und Marmelade zum Kaffee. Einfach köstlich!! Im Wanderführer finden wir die folgende Passage: „Der Ort liegt in einer sehr regenreichen Region. Jährliche Niederschläge von 3.000 mm und mehr sind keine Seltenheit. Im Vergleich dazu hat z.B. Hamburg mit 600 bis 700 mm jährlicher Niederschlagsmenge schon fast Wüstenklima.“

Hotel Bridge of Orchy. - © Foto: Erich Kimmich

Der Regen hat natürlich aufgehört sobald wir im Haus waren. Und gegen 14.30 Uhr sind wir wieder gehbereit. Wir starten über die historische Brücke über den Fluß Orchy, die dem Örtchen den Namen gab. Nach den Jacobiter-Aufständen 1715 begann die Regierung mit dem Bau von Straßen, Befestigungen und Brücken. 1751 wurde die Brücke über den River Orchy von Major Caulfeild erbaut.

Bridge of Orchy. Im Land des Rob Roy. - © Foto: Erich Kimmich

River Orchy flußaufwärts... da ist das Regenwetter... - © Foto: Erich Kimmich

Noch ein Foto flußauf- und flußabwärts und es geht hinein in einen Wald, der bald durch Heidelandschaft abgelöst wird. Der Weg steigt von etwa 200 m hinauf zum Berg Mount m Carraigh (320 m), der – so der kleine Wanderführer – eine der schönsten Ausblicke des gesamten Wegs bietet. Da aber überall noch Wolken hängen – in der Ferne hören wir laufend Donner grollen – ist dieser Blick ein wenig getrübt.

Blick zu den Black Mounts. - © Foto: Erich Kimmich

Dennoch ist der Blick auf die Berge der Black Mounts mit ihren Granitgipfeln und auf das tief unten liegende Loch Tulla ein ganz beeindruckendes Erlebnis.

360-Grad-Panorama (Quicktime, 12 MB!)

JPG-Foto mit Ortsbezeichnungen und Wegverlauf. Evtl. Doppelklicken.

Blick auf Loch Tulla. - © Foto: Erich Kimmich
Panoramablick auf Loch Tulla

Blick auf Loch Tulla. - © Foto: Erich Kimmich

Panoramablick auf Loch Tulla, Inveroran-Hotel und Victoria-Bridge (Quicktime, 4 MB)
Weit unten am Seeufer sehen wir die Victoria Bridge und unser Abendquartier, das fast 300 Jahre alte Inveroran Hotel. Zügig geht es hinunter, immer wieder den Blick auf den See gelenkt und auf die riesigen Bergmassive ringsum.

Inveroran Hotel - Foto: Helmut Eßlinger

Es passt ausgezeichnet zu diesem kühlen Regentag, dass wir schon um 16 Uhr dort sind. Wir machen es uns im Zimmer gemütlich, hängen die feuchten Sachen auf und organisieren für den Folgetag den Gepäcktransport eines unserer Rucksäcke. Aber erstmal nutzen wir das Laptop für ein DVD-Video: „Loch Ness“ heißt die Schnulze, bei der der US-Wissenschaftler Jonathan Dempsey den Auftrag erhält, nach Loch Ness zu reisen, wo er die Existenz des sagenumwobenen Seemonsters widerlegen soll. In der schottischen Idylle angekommen, stößt der Yankee mit seinen Computern bei den Bewohnern auf Ablehnung. Doch schon bald er das Herz der kleinen Isabel und auch das ihrer Mutter, der hübschen Pub-Besitzerin Laura, gewinnen. Isabel ist es letztlich auch, die ihrem großen Freund das Versteck von Nessie verraten wird.

Schon ist es Zeit zum Abendessen. Es gibt drei Gänge: Hirschterrine mit Salat, rotem Gelee und Haferbrot, Lamb with Mintsauce, Vegetables. Ein Vanilla Fudge-Eis von den Orkney-Inseln schließt das Essen ab.

Abendessen im Inveroran-Hotel. - © Foto: Erich Kimmich

Helmut genießt statt dem Eis einen schottischen Käseteller. Noch ein Oban-Whisky dazu und in der Lounge ein sehr nettes Gespräch mit dem Ehepaar aus Bristol, die wir schon seit ein paar Tagen immer wieder gesehen haben.
Morgen steht eine 30-km-Etappe bevor. Nicht viel, könnte man meinen. Doch in dem teils schwierigen Gelände haben wir bislang nur etwa 3 km pro Stunde geschafft – inklusive Fotostopps und Pausen. Macht also morgen 10 Stunden…

Abendliches Tagebuchschreiben im Inveroran-Hotel. - Foto: Helmut Eßlinger

Wir müssen morgen besonders früh los. Einen der Rucksäcke wollen wir ausnahmsweise mit Travel-Lite transportieren lassen. Mal schauen, wie wir diese 30 km-Tortour überstehen werden…

Streckenverlauf in Google Maps

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