Mit Rucksack und Laptop auf dem schottischen West Highland Way.
7. Tag, Samstag 23. Juni 2007. Von Inveroran nach Kinlochleven. 30 km.

„Hast Du Deine neuen Schuhe an?“ fragt der alte Schotte: „Ja Daddy.“ – „Dann mach gefälligst größere Schritte.“

Heute ist unsere längste Etappe. Wir haben alles umgepackt und sind Punkt acht im Frühstücksraum des Inveroran Hotels. Früher gibt es kein Frühstück.
Häuschen bei Inveroran. - Foto: Erich KimmichDas Frühstück ist gewohnt reichlich. Unmittelbar danach bezahlen wir das Hotel, stellen meinen Rucksack mit einem Gepäckzettel von Travel-Lite versehen an der Rezeption ab. Um 8.40 Uhr sind wir wieder auf der Piste. Es geht regenfrei auf geteerter Straße ein Stück das Tal nach hinten zum „Kilometer 100“ des WHW und dort rechts ab zur Victoria Bridge über den Hauptzufluss des Loch Tulla. Gleich hinter der Brücke geht es auf steinigem Weg hinein in einen großen Wald, der wie das „Black Mount Lodge“ der Familie Fleming („James Bond“) gehört.

Ausblick von der Victoria Bridge aus. - Foto: Erich Kimmich

Am Forest Lodge vorbei geht es weiter ansteigend in die Black Mounts und an den Rand des großen Rannoch Moors.

Forest Lodge am Loch Tulla. - Foto: Erich Kimmich

Die Straße ist breit, aber steinig. Es ist eine alte Straße – the Old Droving Route -, die früher als einzige Verbindung für den Transport von Gütern bestand. Vor dem Ende des 18. Jahrhunderts verwahrlosten die Militärstraßen zusehends und konnten den wachsenden Handelsverkehr nicht ausreichend übernehmen. 1803 beauftragte die Regierung einige Baumeister mit der Instandsetzung der Straßen. Sie wurden mit einem festem Unterbau und feiner Deckschicht gestaltet, sodass auch Tierherden über sie getrieben werden konnten. Mit dem Bau der Fahrstraße A82 1933 verlor die Straße wieder an Bedeutung.
Alte steinige Handelsstraße. - Foto: Erich Kimmich

Bald setzt feiner Regen ein, der stetig stärker wird. Wir ziehen die Regenmäntel über und bedauern, dass die Sicht nicht besser ist. Der Weg ist dicht mit zahlreichen mittelgroßen Steinen „gepflastert“, das Wandern darauf ist anstrengend; fast meint man, jeden Stein einzeln unter der Sohle zu spüren. Oft ist das Weitergehen durch riesige Pfützen versperrt, die wir teilweise umgehen oder einfach durchwandern. Es gibt weit und breit keine Unterstellmöglichkeit.

Der Wanderweg aus der Schuh-Perspektive: Hop, über die Pfütze springen!
Der steinig-nasse Weg aus der Schuhspitzen-Perspektive

Nach zehn langen Kilometern (meine Füße tun furchtbar weh!) haben wir eine Höhe von 450 m erreicht. Unser Ausgangspunkt lag bei 200 Metern.

Das Moorgespenst kann sogar Fotos machen! - Foto: Helmut Eßlinger

Wir sind an etlichen Moorseen vorbei gekommen, mitten drin haben zwei Wanderer gerade ihr Zelt abgebaut. Ansonsten feuchte Landschaft soweit es der Blick zulässt.

200-Grad-Panorama ins Rannoch Moor (5 MB) mit den zwei Wanderern vor uns her.
Rannoch Moor. - Foto: Erich Kimmich

Der Regen lässt gegen 11 Uhr wieder nach und wir können einige eigenartige Moorpflanzen fotografieren.

Blütenpflanze... - Foto: Helmut Eßlinger

Der Blick hinunter in die Talaue bei Kings House ist eindrucksvoll, obwohl die mächtigen, zerklüfteten Bergspitzen allesamt in den Wolken versteckt bleiben. Im Osten sehen wir das Rannoch Moor mit seinen zahlreichen Gewässern.

Der Ausblick könnte soo schön sein... - Foto: Erich Kimmich

Endlich haben wir auch die zwei Wanderer und ihren Border Collie erreicht, die wir seit Stunden vor uns gesehen haben. Endlich ging es abwärts – mit tollen Ausblicken – und immer auf das Kings House zu, wo wir Mittag machen wollen.

Weiter Blick Richtung Nordosten. - Foto: Erich Kimmich

Die Liftanlagen des Skigebiets White Corries lassen wir links liegen. Vor einem kleinen hübschen Häuschen verweist ein Wegweiser auf die Old Droving Route. Das Schild ist von der Scottish Rights of Way Society aufgestellt worden, die sich den Schutz der Wege und den ungehinderten Zugang zur schottischen Landschaft zum Ziel gesetzt hat.

Cottage nahe Kings House. - Foto: Erich Kimmich

Kings House, die heutige Zwischenetappe. - Foto: Erich Kimmich

Nun sind wir am Eingang des berühmten Glen Coe und haben bald unser Zwischenziel Kingshouse Hotel an der A82 erreicht. Wir sind froh, Rucksack und Schuhe ausziehen zu können. Ein Tee, ein Bier und zwei Suppen geben wieder neue Kraft. Zwischen 12.10 und 13.10 Uhr sind wir hier in der Bar. Die Herberge ist schon mehr als 200 Jahre alt und diente an der Brücke über den Etive River als Übernachtungsplatz für Treiber und Vieh. Der gewaltig wie ein Vulkan aufragende Glen Coe mit seinen über 1.000 Höhenmetern und das gleichnamige Tal hinterlassen starke Eindrücke.

Blick auf den Stob Dearg (1022 m), links das Etive Valley. - Foto: Erich Kimmich

Nun geht es mit einigermaßen gutem Wetter (das ist dann regenfrei, aber leider komplett bewölkt) den Fluss aufwärts begleitend, immer parallel zur Straße.

Steinflechten. - Foto: Erich Kimmich

Im Tal des Glen Coe River. - Foto: Erich Kimmich

Vor dem Hotel war bereits ein Streckenposten mit Bananen und Getränken eingerichtet. Wenige Sportler in meist kurzen Hosen und verdreckten Turnschuhen kommen vorbei gerannt, überholen uns bergauf mit viel Tempo. Und später am Straßenrand fallen uns die vielen Autos auf, in denen hilfreiche Leute den Läufern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Bald wird klar, dass es das diesjährige West Highland Way Race sein muss, das hier am längsten Tag des Jahres stattfindet. Da laufen Leute die 152 km lange (steinige) Strecke in 15 Stunden 47 Minuten!! Der helle Wahnsinn!

Eindrücke vom West Highland Way Race 2007. - Foto: Erich Kimmich

Wir steigen nun stetig aufwärts zu den sogenannten Teufelstreppen „Devil’s Staircase„, ein sehr alpin wirkender Pfad, der im Zickzack zwischen gluckernden Bächen und Heidekraut bis 540 m Höhe aufwärts führt. Etliche Läufer rennen an uns vorbei den Berg hinauf als wäre der Weg eine flache Aschenbahn. Dieses Tempo ist unglaublich! Die meisten haben nur einen Minirucksack und zeigen dicke stählerne Beinmuskeln.

Devils Staircase. - Foto: Erich Kimmich

Endlich oben sind wir auf gut 550 Meter Höhe angelangt und genießen die herrliche Sicht auf die umliegenden Bergriesen an dieser höchsten Stelle des gesamten Wegverlaufs. Die grandiose Landschaft nimmt und gefangen.
Bei einigen Steinmännchen machen wir Rast und essen die zahlreichen Reste aus dem Rucksackfutter auf. Der Weg ist vielfach mit Steinen gepflastert und bietet den zahlreichen Rinnsalen und Bächen mit dicken Granitsteinen Durchlass. Er wurde schon im 18. Jahrhundert als Teil der Militärstraßen angelegt und verbindet Glen Coe mit Kinlochleven.

Blick auf Altnafeadh (ca. 375 m) und das Glen Coe. - Foto: Erich Kimmich

Wir sehen hinunter zur Straße, wo wir vor wenigen Minuten noch gewandert sind und bis Richtung Kings House zurück.

Knabenkraut-Orchideen im Glen Coe. - Foto: Helmut Eßlinger

Leider können wir das nördlich gelegene Ben Nevis-Massiv mit dem höchsten Gipfel Großbritanniens nur teilweise erkennen: seine Bergspitzen verstecken sich die meiste Zeit des Jahres hinter tief hängenden Wolken.

Foto: Erich Kimmich

Etwas mehr östlich können wir den Staudamm des Blackwater Reservoirs sehen und das nach Westen anschließende Tal hinab nach Kinlochleven erahnen, das ungeheuer tief eingegeraben ist. Wo wir bisher meist U-förmige Täler hatten, ist es jetzt ein V-förmiger Talquerschnitt.

Blick nach Norden zum Blackwater Reservoir, Richtung Ben Nevis. - Foto: Erich Kimmich

Nach etlichen Kilometern Abstieg kommen wir an die Stelle, wo der Versorgungsweg des Blackwater Reservoirs herüberkommt. Vom Stausee führt ein Kanal das Wasser an diesen Punkt, wo es in sechs dicken Druckrohren knapp 300 Höhenmeter nach Kinlochleven zur Stromgewinnung für eine Aluminiumfabrik hinuntergeleitet wird. Während die Rohre den kürzesten Weg nehmen und nach 1.250 Metern schon unten ankommen, verläuft der Wanderweg entlang eines Seitentals im Zickzack.

Lang und weit zieht sich der Weg steil hinunter nach Kinlochleven. - Foto: Erich Kimmich

Ganz da unten im Tal muss irgendwo Kinlochleven liegen. Ein weiter Weg …

Der hats eilig...   - Foto: Erich Kimmich

Nur vereinzelt überholen uns Teilnehmer des WHW-Rennens.

Noch ein langer Abstieg, die Füße tun weh... - Foto: Erich Kimmich

Die letzten Kilometer ist es ein steiniger Fahrweg, der uns noch gehörig „schlaucht“.

Unten die Häuser von Kinlochleven. - Foto:. Erich Kimmich

Nach gut 3,5 Kilometern kommen wir endlich – wir können kaum noch „bremsen“ – in Kinlochleven an. Einige Teilnehmer des Rennens haben uns noch überholt. Unten im Dorf ist wieder ein Streckenposten eingerichtet; zahlreiche Angehörige warten in Autos auf ihre Favoriten. Die Leute versuchen sich mit Mückennetzen am Hut vor den Qäulgeistern zu schützen.

Unser Bed & Breakfast Edencoille. - Foto: Erich Kimmich

Unser Quartier im Bed & Breakfast Edencoille bei Elsie und Drew Robertson am Ortsrand ist schnell gefunden. Die Hausherrin verweist uns auf den Rucksack, der schon eingetroffen ist. Das Haus ist unglaublich liebevoll eingerichtet. Die Betten – im attraktiven Country-Style – sind zartrosa bezogen, ein Teddybär liegt auf dem Kopfkissen, Brokatvorhänge zieren das Fenster, die Tapete ist rosa-golden mit feinen Blumenmustern. Überall stehen Porzellanfiguren, in unserem Zimmer sind das kleine Hunde.

Märchenhaftes Schlafzimmer. - Foto: Erich Kimmich

Der Tee, den wir uns zubereiten, schmeckt köstlich zartblumig. Im Flur stehen dutzende verschiedene Süßigkeiten, Kekse, Short Bread, die man sich gegen Kleingeld zum Tee dazu nehmen kann. Selbst die Waschbeckenschüssel ist mit Blumenmustern bedruckt.

Köstlicher Tee weckt die Lebensgeister. - Foto: Erich Kimmich

Ein Prospekt weist auf den Dampfzug von Fort William nach Mallaig hin, wo die berühmten Aufnahmen für die Harry Potter-Filme gemacht wurden. Ein anderer Flyer verweist auf The Ice Factory, ein Berg-Freizeitpark in den alten Mauern der ehemaligen Aluminiumfabrik, wo wir beim Eintreffen bereits vorbeigekommen sind.

Gegen 20 Uhr gehen wir ins Dörfchen, ich kaufe mir noch eine Scottish Music CD. Entlang der „Rennstrecke“ mit den wartenden Fans und vielen Helfern finden wir im Tailrace Inn in ein Pub zum Essen. Hier treffen wir wieder die Mitwanderer aus Bayern bzw. Mannheim, die ihre Strecke anders als wir eingeteilt hatten, nun aber im selben B&B untergebracht sind. Morgen wartet die letzte Etappe mit 22,5 km auf uns.

Postamt in Kinlochleven

Auf dem Rückweg sende ich das erste E-Mail meines Lebens aus einer Telefonzelle ab. Das Tippen (z.B. das @) war etwas umständlich, hat aber dann irgendwie funktioniert. Und währenddessen stechen einen die Midges in der Telefonzelle…

Zurück zum Vortag || nach oben || Zum nächsten Tag

Nachtrag:

Auf der Website des West Highland Race kann man im Nachhinein manch Interessantes erfahren. So ist dort ein Höhenprofil der gesamten Wegstrecke zu finden. Man erfährt, dass es laut Software 4.499 m Anstiege auf der gesamten Strecke gibt. 76 Läufer haben im Jahr 2007 den gesamten Weg bis ins Ziel geschafft. Adrian Davis gewann das Rennen im Jahr 2007 in 17 Stunden, 4 Minuten und 13 Sekunden bei seinem ersten Versuch. Lucy Colquhoun folgte knapp hinter ihm und stellte einen neuen Rekord der Frauen auf mit 17 Stunden, 16 Minuten und 20 Sekunden.
Klickt man unter \“Race Information”, kann man sogar die gesamte Strecke mit 3-D-Kartenausschnitten nachverfolgen; zu jedem Ausschnitt gibt es ein zugehöriges Foto.
In der \“Race Community” bieten die Organisatoren sogar einen Bildschirmschoner an und es gibt von Marc Hamilton einen reizvollen 31-Minuten-Film vom 2006er Rennen.