Mit Rucksack und Laptop auf dem schottischen West Highland Way.
8. Tag, Sonntag 24. Juni 2007. Von Kinlochleven nach Fort William. 23,5 km.

Was macht der Schotte McSpar im Kühlschrank? Er guckt nach, ob das Licht auch wirklich ausgeht!

23,5 Kilometer bis zum Ziel haben wir noch vor uns. Die Läufer des Rennens sind natürlich längst schon am Ziel angekommen. Mit dem Rucksackpacken lassen wir uns heute eher ein wenig Zeit. Erst mal gehts um 8 Uhr zum Frühstück. Der kleine Essraum ist fein eingedeckt. Die gestärkten Stoffservietten passen zum Brokatambiente.

Frühstück in Kinlochleven

Es stehen frische Melonen und Ananas auf dem Tisch, daneben Erdbeeren, Himbeeren und Kirschen. Heute steht ein Porridge auf dem Plan; wir wollen ja alles mal ausprobiert haben. Vermischt mit frischen Ananas schmeckt der Kleisterbrei ja ganz prima. Teil zwei ist der schottische Frühstücksteller, auf dem sich wieder Schinken, Spiegeleier, gekochte Champignons, Tomate, Pfannkuchen und Black Pudding eingefunden haben. Die gebratenen Würstchen haben aber heute keine Chance mehr. Ach ja: die Orangenmarmelade auf dem Toastbrot bildet den feinen Abschluss zum dezenten Schwarztee.

Bald schon sind wieder die Wanderstiefel geschnürt und gemeinsam mit Sabine und Jürgen ziehen wir durch Kinlochleven zum Einstieg in den Wanderweg. Im Coop-Markt kaufen wir rasch noch zwei knusprige Brötchen. Sonntag Morgen – das Dorf ist wie ausgestorben. Vorbei an der alten Aluminiumfabrik, die im Jahr 2000 ihren Betrieb eingestellt hat, kommen wir über die Leven-Brücke und sehen wieder die stilisierte Distel, das Symbol des West Highland Ways.

Der wie üblich steinige Weg. - Foto: Erich Kimmich

Als kleiner Waldpfad führt uns der Weg im Zickzack bergauf, es fängt leicht an zu regnen: Umziehen. Bald überholen wir Sabine und Jürgen beim Umpacken, während wir von anderen Wanderern überholt werden. Die vierköpfige schnelle Frauen-Truppe ist natürlich schon längst durch; die Familie aus Amerika sehen wir vor uns wandern.

Sabine und Jürgen beim Aufstieg

Das Dörfchen Kinlochleven wird unter uns immer kleiner, wir sehen ein Schiff am Pier, unser Guesthouse am Ortsrand und den gestrigen Weg entlang der Druckleitung. Der Blick entlang des Loch Leven Richtung Meer weitet sich. Von oben sieht das wie ein kleiner Fjord aus. Bald wird unser Weg breiter und steiniger – wir sind wieder auf einer alten Militärstraße.

Der Weg zieht sich noch weit hinauf. - Foto: Erich Kimmich

Unverhofft taucht eine Horde von Geländemotorradfahrern auf. Ihre Maschinen haben nicht mal einen Sitz, denn – wie beim Skifahren – ist auf den holprigen Strecken Federn das erste Gebot. Hinterher folgt ein Jeep der Lochaber Mountain Rescue Team.

Mit dem Motorrad wärs schneller gegangen... - Foto: Erich Kimmich

Ein Hochtal führt uns etwa 3 km langsam ansteigend hinauf zu einer flachen Passhöhe auf gut 300 Metern Höhe, auf beiden Seiten steigen hohe Bergmassive empor. Bei den Hausruinen der Farm Tigh-na-sleubhaich machen wir erst mal eine verdiente Pause: Jetzt sind diverse Gummibärchen an der Reihe! Die Schafe tummeln sich in dem alten Gemäuer.

An der verfallenen Farm. - Foto: Erich Kimmich

Der Wind hat an Kraft zugenommen und lässt meinen Regenmantel wie ein Segel flattern. Ein scharfes Foto wird zum Spiel mit dem Zufall, denn der flatternde Regenmantel zerrt gewaltig. Nun folgt dem ansteigenden Hochtal ein abfallendes. Gute zwei Kilometer stolpern wir weiter von Stein zu Stein, queren unzählige Bäche und Rinnsale.

Interessante Moos-Köpfchen. - Foto: Erich Kimmich

Dann wendet sich das Tal von westlicher in nördliche Richtung. Am Beginn eines größeren Waldgebietes legen wir nochmals eine Rast ein, diesmal stehen die Brötchen, Landjäger und Käse und gute schwarze Schokolade auf dem Speisezettel. Ein Paar mit Zeltausrüstung hat einen jungen Hund dabei, der die Befehle noch nicht ausreichend gelernt hat. Lieber rast er auf den Zaun zu, hinter dem dutzende Schafe grasen, als auf die Trillerpfeife von Herrchen und Frauchen zu hören.

Na, auf gehts! Zuviele Steine? - Foto: Erich Kimmich

Manchmal hat er auch einfach keine Lust mehr, weiterzulaufen. Wohl verständlich – ohne Wanderschuhe auf den vielen Steinen!
Nach einem grauenvoll wirkenden Kahlschlagsfeld haben wir den kleinen See Lochan Lunn da Bhra erreicht.

Lochan Lunn da Bhra - Foto: Erich Kimmich

Nun verlässt unser Weg die Militärstraße, die nun asphaltiert auf dem kürzesten Weg nach Fort William führt. Wieder mal müssen wir über die klassischen Schutzgatter klettern, eintritt dahinter und ich sinke mit einem Schuh fast komplett in den Morast ein. Über hügeliges Weidegelände – wir werfen noch einige Male einen Blick zurück auf den idyllischen See – zieht sich der Weg Richtung Nordosten und erreicht bald eine größere Fichtenwald-Fläche, in der es bergauf und bergab geht. Klassisches „Schwarzwald-Feeling“ stellt sich ein: die Wipfel sausen und rauschen im Wind, der Wald ist dunkel und feucht. Moospolster überziehen alte Holzstapel, die wohl vergessen wurden, hier und da ein rauschender Bach dazwischen. Einige Wanderer kommen uns entgegen. Nach einem kräftigen Abstieg rasten wir an einem Flüsschen auf dicken Steinen. Über einen kleinen Pass gelangen wir auf ausgebaute Forstwege und sehen zum ersten Mal hinunter nach Fort William.

Ein erster Blick nach Fort William. - Foto: Erich Kimmich

Ganz da unten ist unser Ziel! Zunächst aber müssen wir nochmal die Zähne zusammenbeißen, denn das Traben auf der steinigen Forststraße lässt die müde gelaufenen Sohlen und ihre Wehwechen ins Bewusstsein treten.

Blick ins Glen Nevis, rechts die Bergflanke von Großbritanniens höchstem Gipfel. - Foto: E.Kimmich

Von hier aus – auf etwa 350 Höhenmetern – könnten wir einen imposanten Blick auf Großbritanniens höchsten Berg Ben Nevis (1.344 m) haben. Aber heute wie an 300 anderen Tagen im Jahr ist er verhüllt durch eine dicke Wolkenbank, die nicht mal seine Ausmaße erahnen lässt. Jährlich erklimmen hunderte Wanderer den Gipfel – und einige kehren nicht wieder zurück: plötzliche Temperaturstürze und der nahezu immerwährende Nebel werden oft unterschätzt.

Dann haben wir die Talsohle endlich erreicht und machen eine kurze Pause im Glen Nevis Visitor Centre, wo wir eigentlich auf ein zusätzliche kleines Café gehofft haben. Doch mehr als ein Getränkeautomat ist dafür nicht vorhanden. Aber Bücher, tolle Postkarten und interessante Informationen zum Ben Nevis sind ausgesprochen spannend.

Gut zwei Kilometer fehlen nun noch bis zum Ende des Weges. Es geht nun nur noch am Straßenrand parallele des Nevis River entlang. Zwar ist der Asphalt irgendwie schon eine Abwechslung zu den groben Steinen, doch auch hier fühlt man sich rasch richtiggehend erschöpft und erledigt. Entlang der ersten Häuser in Fort William schaffen wir es gerade noch und dann sehen wir das Schild, das wir von diversen Postkarten schon kennen: The End of the West Highland Way, 152 Kilometer vom Ausgangspunkt bei Glasgow entfernt. Also erstmal ein Foto schießen!

Geschafft: 152 km Steinpiste.... - Foto: Erich Kimmich

Hurra! Wir haben es geschafft!

Fort Williams liegt ganz traumhaft zwischen hohen Bergmassiven und einer langen Meeresbucht am „Loch Linnhe“. Ein Blick auf die pagodenartigen Türmchen und wir wissen: da ist eine Distillerie, die Ben Nevis Distillerie, die älteste Schottlands, gleich am Ortseingang. Abends werden wir davon einen probieren… doch der Glengoyne ist besser… aber der Oban ist noch besser…

Ein paar hundert Meter, die uns wie Kilometer vorkommen, bringen uns Richtung Zentrum und links am Berg entlang hinauf zu unserem Bed & Breakfast, wo wir mit einem duftenden Tee und Honigkuchen begrüßt werden. Duschen, umziehen, Füße eincremen (unser Geheimtipp: Weleda Fußbalsam) und ab gehts hinunter ins Städtchen. Am Bahnhof kaufen wir die Fahrkarten für die morgige Rückreise, in der High Street treffen wir uns mit Sabine und Jürgen. In einem ganz tollen Pub namens The Grog & Gruel sitzen die vier schnallen Damen und winken uns. Wir bekommen nach einigem Warten bei einem Pint Dunkelbier auch einen Platz und gönnen uns ein gutes 8 oz. Sirloin Steak mit kringeligen Pommes und Salat dazu. Sabine kommt aus Niederbayern, Jürgen aus Köln bzw. Mannheim. Es macht viel Spaß, sich über unsere Wegbeobachtungen und die anderen Mitwanderer auszutauschen und über größere und kleinere Fernwanderungen zu schwärmen. (Meldet euch, ihr beiden!)

An der Kaimauer in Fort William, abends gegen 23 Uhr. - Foto: Erich Kimmich

Der anschließende Verdauungsspaziergang führt Helmut und mich noch durch die High Street, wo sich viele Geschäfte, Craft Shops, Pubs und Restaurants aneinander reihen bis hinunter zum Hafen.

Fort William: Vor dem Pub The Volunteer Arms gegen 23.30 Uhr. - Foto: Erich Kimmich

Es ist schon fast 23 Uhr und immer noch nicht ganz dunkel. Aus einem Pub dringt Dudelsackmusik und ganz viel fröhliche Ausgelassenheit. Im Pub The Volunteer Arms gibts Gitarren- und Akkordeonklänge: wir mischen uns unter die Fröhlichen und genießen Stimmung und Musik bei einem dunklen Pint. Jung und Alt sind gleichermaßen fröhlich, die volkstümliche Musik reißt einfach mit. Toll ist auch, dass in allen britischen Kneipen nicht geraucht werden darf. Das tut der Stimmung offensichtlich keinen Abbruch. Und wer es dennoch nicht lassen kann, geht eben kurz mal raus. Die Best-Brauerei hat dazu gleich den passenden Bierdeckel produziert:

Der Raucher-Bier-Abdecker-Schutz-Deckel - Foto: Erich Kimmich

Kurz vor Mitternacht sind wir dann im Bett…..

Blick vom Bed & Breakfast aus auf die Bucht. - Foto: Erich Kimmich

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